Zwei auf einen Streich…

Im Stadtgeschichtlichen Museum in Leipzig bekommen die Besucher derzeit gleich zwei Fotografie-Ausstellungen auf einen Streich. Denn noch bis zum 26. März 2015 sind hier die Ausstellung ‚STATUS QUO – Fotografien von Sophia Kesting und Dana Lorenz‚ sowie die Ausstellung ‚Die Fotografien Bertha Wehnert-Beckmann 1815-1901‘ zu sehen.

Die Fotografien_Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
STAUS QUO
Sophia Kesting und Dana Lorenz thematisieren in ihren Arbeiten den Transformationsprozess des Wilhelm-Leuschner-Platzes. Dabei stehen die charakteristische Bebauung, wie beispielsweise das derzeit ungenutzte Bowlingcenter – in welches dem Betrachter ein Einblick gewährt wird – sowie situative Handlungen, die sie eigens zu diesem Zweck inszenierten, im Fokus der Fotografien. Bei diesen handelt es sich um Analogaufnahmen in schwarz-weiß, von denen die beiden Künstlerinnen selbst Handabzüge anfertigten und den Arbeiten einen 80er Jahre Charme verliehen. Sehr interessant fand ich dabei, dass es mir als Betrachterin tatsächlich schwer fiel das Gesehene zeitlich einzuordnen und Assoziationen zu dokumentarischen Aufnahmen aus vergangenen Zeiten fast zwangsläufig mir im Kopf umherschwirrten.

Status Quo

Die Fotografin Bertha Wehnert-Beckmann 1815-1901
Die Fotografien zählt zu den außergewöhnlichsten Frauen der Stadt Leipzig im 19. Jahrhundert. Sie galt als Vorreiterin der Porträtfotografie und erste Berufsfotografin in Deutschland. Zusammen mit ihrem Mann Eduard Wehnert eröffnete sie 1843 in Leipzig ein Atelier, welches sie auch nach seinem Tod 1845 gemeinsam mit ihren Brüdern und Mitarbeitern weiterführte. Zudem lebte sie zwischen 1849 bis 1851 in New York und unterhielt hier ein kleines Atelier auf dem Broadway, ehe sie schließlich wieder nach Leipzig zurückkehrte und sich der Akt-, Porträt- und Architekturfotografie sowie der neuen Technik der Stereofotografie widmete.

In der Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum werden nun, anlässlich des 200sten Geburtstages Bertha Wehnert-Beckmanns zahlreiche Arbeiten der Künstlerin präsentiert sowie ein umfassender Überblick über ihr Schaffen und Leben vermittelt. So werden in drei Ausstellungsboxen Daguerreotypien und Stereofotografien aus dem Bestand des Stadtgeschichtlichen Museums gezeigt, die zu den wertvollsten Exponaten der Frühgeschichte der Fotografie zählen. Darunter auch zahlreiche Porträtaufnahmen von Leipziger Bürgern (sehr interessant: auch in Kostümen) sowie Architekturaufnahmen, die zu den ersten authentischen Bildern der Stadt gehören.


Im Rundgang um die Ausstellungsboxen schließlich sind weitere Porträtaufnahmen zu sehen, die mittels des nassen Kollodiumverfahrens entstanden, welches Bertha Wehnert-Beckmann nach ihrer Rückkehr aus Amerika anwandte. Dieses Verfahren ermöglichte es ihr zahlreiche Abzüge ein und des selben Motives in bisher unerreichter Qualität anzufertigen.

Wer wissen möchte, wie genau das Verfahren funktioniert, der sollte unbedingt mal im Stadtgeschichtlichen Museum vorbei schauen. Denn neben dem biographischen Abriss zum Leben und Schaffen Bertha Wehnert-Beckmanns werden auch Informationen zu den gängigen Techniken der Fotografie des 19. Jahrhunderts geliefert.

Und wer, wie ich, auch noch nie etwas von Haarbildern gehört hat, für den lohnt sich ein Besuch umso mehr. Denn Bertha Wehnert-Beckmann hatte, bevor sie eine bedeutende Gesellschaftsfotografien wurde, das Haarklöppeln gelernt um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Haarbilder wurden im frühen 19. Jahrhundert unter anderem von Perückenmachern, Barbieren, Nonnen und Näherinnen hergestellt, welche die Haare nahestehender Personen zu Bildern verarbeiteten, die zum Andenken an besondere Ereignisse wie Hochzeiten, Taufen oder dem Tod dienten. Galten Anfang des Jahrhunderts die Haarbilder noch als beliebter Wandschmuck in bürgerlichen Haushalten, so kamen sie mit der zunehmenden Bedeutung der Fotografie immer mehr aus der Mode. Ein paar Exponate hierzu gibt es natürlich auch in der Ausstellung zu bewundern.

Wie auch in der Ausstellung zur Fotografin Bertha Wehnert-Beckmann ein Bogen von ihren Anfängen hin zu ihrer späten Arbeitsweise gespannt wird, so kann auch zwischen den beiden Ausstellungen im Stadtgeschichtlichen Museum eine Brücke geschlagen werden. Verweist doch die Kombination mit der Ausstellung STATUS QUO auf eine zeitgenössische Position und somit gleichzeitig auch auf die stetige Entwicklung der Fotografie.

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