Zu Besuch im Deutschen Fotomuseum

Das Deutsche Fotomuseum steht nicht etwa in Berlin, Hamburg oder Köln. Nein, es befindet sich in einem kleinen Ort bei Leipzig, in Markkleeberg. Und wenn bereits der Guardian darüber berichtet, dann wird es höchste Zeit, dass auch wir endlich unseren Beitrag von der Festplatte – wo er schon ein paar Tage schlummert, sorry – in die Weiten der Blogwelt entlassen.

Mit seiner umfangreichen Sammlung historischer Kameras und Zubehör legte der Fotograf und Kamerahistoriker Peter Langner den Grundstock für das 1989 in Leipzig gegründete Fotokabinett. Nach Langners Tod im Jahr 1994 lenkte dessen Witwe Kerstin den Fokus der Sammlung stärker auf die Kombination von Technikgeschichte und künstlerischer Fotografie und eröffnete das Haus als Kamera- und Fotomuseum neu.

Seit dem Umzug des Museums in den agra-Park Markkleeberg im Sommer letzten Jahres, nennt es sich nun ganz unbescheiden das Deutsche Fotomuseum, mit welchem ‚der Grundstein für eine Institution des Bewahrens und Wissens, für eine touristische Attraktion und für einen Ort der Identifikation für die Menschen der gesamten Region gelegt wurde.‘

Das Deutsche Fotomuseum im agra Park Markkleeberg

Das Deutsche Fotomuseum im agra Park Markkleeberg

Die größeren Räumlichkeiten erlauben es nun, dass in der Dauerausstellung Fotofaszination über 2.000 Exponate ausgestellt werden können, darunter verschiedenste Kameramodelle, eine komplette historische Dunkelkammer sowie unzählige Fotografien, welche die Geschichte der Fotografie von den Anfängen bis zur Gegenwart dokumentieren. Architektonisch vorteilhaft für eine chronologische Präsentation als Zeitreise durch das 19. und 20. Jahrhundert, so erfuhren wir vom künstlerischen Leiter des Museums Andreas J. Mueller, sind dabei die beiden Guggenheim-ähnlichen Aufgänge des Gebäudes. Obwohl die Rotunde lichtdurchflutet ist, gelangt kein Sonnenlicht auf die Exponate, die wenigen Ausnahmen sind durch UV-Glas geschützt. Im angrenzen Museumssaal finden zudem regelmäßig Sonderausstellungen mit Werken international renommierter Künstler des 20. Jahrhunderts statt.

Die Guggenheim-ähnlichen Aufgänge des Museums

Die Guggenheim-ähnlichen Aufgänge des Museums

Nach unserem letzten Besuch im Fotomuseum hatten wir die Möglichkeit, Andreas J. Mueller noch einige Fragen zu stellen, deren Antworten wir Euch natürlich nicht vorenthalten wollen.

Den besonderen Reiz des Museums, so sagen Sie selbst, macht die Kombination von Technikgeschichte und Kunst aus. Können Sie uns mehr dazu sagen?

Der individuelle Charakter ist Hauptmerkmal einer jeden Sammlung, er ist Risiko und Chance zugleich. Wie kein anderer Ort ist ein Museum ein Ort des Verstehens der Vergangenheit und damit Ausgangspunkt der Gestaltung des Künftigen. Insbesondere die Fotografie, die mit dem Beginn des industriellen Zeitalters ihren Ausgang nahm, ist das geeignete Medium, Fragen nach dem Woher und Wohin unserer modernen Gesellschaft zu erörtern, da sie Zeiterscheinungen durch Bildgebung überhaupt fassbar und damit diskutierbar macht.

Das Deutsches Fotomuseum in Markkleeberg soll den Besuchern nicht nur zur Unterhaltung und Belehrung dienen, sondern bei der Orientierung helfen in unserer komplexen und sich rasch verändernden Welt. Der Museumsbesuch soll als Bereicherung erfahren werden, die produktiv genutzt werden kann.

Das Deutsche Fotomuseum soll als Zentrum der Fotografie die Sammlung für künftige Generationen erhalten, erweitern und pädagogisch nutzbar machen. Eine der Kernaufgaben wird die vollständige wissenschaftliche Erschließung der Sammlungsbestände sein.

Was unterscheidet Sie als privates Museum von den staatlichen Einrichtungen? Wo sehen sie die Vor- und Nachteile?

Das Museum befindet sich in Vereinsträgerschaft, lediglich die Sammlung ist privat. Der Vorteil eines nicht staatlichen Museums besteht in der größeren Flexibilität, unter Einbeziehung bürgerschaftlichen Engagements viel Museum mit wenig Geld zu realisieren

Wird die Sammlung, deren Schwerpunkt auf der historischen Entwicklung der Fotografie liegt noch erweitert? Wie findet die heutige digitale Fotografie Eingang in die Sammlung?

Das Museum ist ein nachhaltiges Projekt, die Sammlung wird ständig erweitert, über 95 % der Sammlung befinden sich im Depot. Demnächst werden auch die Anfänge der Digitalfotografie ausgestellt

Wie kam es zu der Entscheidung, das Foto Adolf Hitlers, mit der Bildunterschrift „Unser Führer, der große Tierfreund“ neben Richard Petersens Bild nach der Bombardierung Dresdens zu hängen?

Sämtliche Bildtitel im Museum sind Originaltitel, beim Hitlerbild handelt es sich um ein NS-Propagandafoto seines Leibfotografen Heinrich Hoffmann, das in den 1930er Jahren in hoher Auflage verkauft wurde. Die vollkommen lächerliche Verherrlichung Hitlers als „großer Tierfreund“ (ein Rehkitz fütternd) wurde absichtlich in den Kontrast zu den Ruinenlandschaften Dresdens und Leipzigs gebracht. Diese ironisch-lakonische Hängung erspart weitläufige geschichtspolitische Instruktionen. Generell setzt die Präsentation im Deutschen Fotomuseum auf unaufdringliche bilddidaktische Bezüge, um Erkenntnis durch Anschaulichkeit zu vermitteln.

Wonach wählen sie die Themen und Künstler Ihrer Ausstellungen? Wie oft finden diese Ausstellungen statt?

Für kunst- und kulturpolitische Entscheidungen bedarf es eines Gespürs, wie auch Sie sich entscheiden, zum Beispiel über das Deutsche Fotomuseum zu berichten oder eben nicht. Insofern begründet sich die Auswahl der Themen und Künstler durchaus individuell.

Es gibt keine Ressentiments gegenüber bestimmten Stilrichtung, außer: Kunst darf nicht langweilen.

Nach Fertigstellung des Saals für Sonderausstellung wird es künftig alle 2 Monate große Sonderausstellungen und im unteren Bereich alle 3 Monate mittlere Kabinettausstellungen geben.

Haben Sie eine ‚Lieblingsfotografie‘ und was macht ihrer Meinung nach eine gelungene (Kunst)Fotografie aus?

Unsere „Mona Lisa“ ist eine Fotografie von Jeanloup Sieff. Das Foto ist eine beeindruckende Bildikone für die heraufziehende westliche Konsumgesellschaft der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und zeichnet sich aus durch Klarheit und Schönheit.

Eine gelungene Kunstfotografie prägt sich nachhaltig dem Betrachter ein, weist Epochenmerkmale auf und bleibt im Gegensatz zu anderen Bildern im öffentlichen Bewußtsein hängen.

Jeanloup Sieff, Harpers Bazaar, Palm Beach, 1964

Jeanloup Sieff, Harpers Bazaar, Palm Beach, 1964

Deutsches Fotomuseum
Raschwitzer Straße 11-13
04416 Markkleeberg
geöffnet Dienstag bis Sonntag von 13 – 18 Uhr

 

 

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