Stillleben und Fotografie

#foodporn oder einfach nur die Kombination von Lebensmitteln und Kunst ist weder eine Erfindung der Fotografie, noch des digitalen Zeitalters. Vielmehr lassen sich die Abbildungen von arrangiertem Gemüse, Früchten oder Fleisch sowie Küchengegenständen bereits auf das 16. Jahrhundert zurückführen. Spielten anfänglich die Darstellungen von Essbarem nur eine untergeordnete Rolle auf religiösen Bildern oder Familienporträts, so entwickelten sie sich in den Niederlanden schließlich zum eigenständigen Bildsujet, das sich nicht nur den Lebensmitteln widmet sondern auch Blumen, Tiere und Vanitasdarstellungen umfasst.

Marten van Heemskerck: Der Haarlemer Patrizier Pieter van Foppeszoon mit seiner Familie, um 1530, Gemäldegalerie alter Meister, Kassel.

Nicalaes Gillis: Stillleben,1611, Privatbesitz.

Einen ebenso breiten Querschnitt des Genres zeigte die Ausstellung „Carl Schuch und die zeitgenössische Stillleben-Fotografie“ in der Kunstsammlung Zwickau. Leider ist diese nicht mehr zu besichtigen, jedoch erschien im Kerber Verlag begleitend ein Katalog, der das Ausstellungskonzept ganz gut widerspiegelt und den es auf jeden Fall lohnt durchzublättern.

Zwickau an sich ist nicht unbedingt die aufregendste Stadt in unsere näheren Umgebung, aber dennoch war ich überrascht von den tollen Jugendstilbauten in der Innenstadt sowie der Kunstsammlung, die sowohl in der Vergangenheit als auch zukünftig mit interessanten Ausstellungen sowie modernen und geschmackvollen Ausstellungsräumen glänzt. Zudem wurde in Zwickau etwas umgesetzt, was für mich Beispielcharakter besitzt. Der Stadtrat hatte im Mai 2013 beschlossen, vorerst probeweise, auf ein Jahr begrenzt, kostenfreien Eintritt für die staatlichen Museen in Zwickau einzuführen. Ziele dieses Projektes sind: allen Menschen den Zugang zu Bildung und Kultur zu ermöglichen, mehr Besucher in die Museen zu locken und die Sammlungen auch überregional bekannt zu machen. Dabei überrascht es mich nicht, dass bereits im ersten halben Jahr das Konzept aufgegangen ist und von zahlreichen Besuchern angenommen wurde. Das ist wirklich TOP!!!

Aber zurück zum Thema…entsprechend zur Ausstellung werden auch im Katalog den Arbeiten des österreichischen Malers Carl Schuch zeitgenössische Fotografien gegenübergestellt, welche den aus der Malerei entlehnten Begriff „Stillleben“ neu interpretieren und eine andere Sichtweise auf die Gattung liefern.

Ausstellungskatalog (Quelle: www.kerberverlag.com)

Einführend erhält der Leser Informationen über Carl Schuch, dessen Arbeiten erst nach seinem Tod der breiten Öffentlichkeit zugänglich wurden und sich anschließend in ganz Mitteleuropa verbreiteten. Mittels seiner Darstellungen des Alltäglichen und Gewöhnlichen beschäftigte sich Schuch intensiv mit der adäquaten Widergabe der Natur sowie mit Farb- und Formexperimenten.  Mit seiner Suche nach dem Wahrhaften und Authentischen in den einfachen Dingen steht der österreichische Künstler den niederländischen Malern des Goldenen Zeitalters sehr nahe. Auch diese strebten in ihren Stillleben die naturgetreue Abbildung der Wirklichkeit an und nutzen das Genre um mit Farben, Licht und Materialien zu experimentieren.

Auch die still-life-photografie beziehungsweise die fotografischen Stillleben lassen sich nicht losgelöst von dem aus der Kunstgeschichte stammenden Begriff „Stillleben“ betrachten. Denn auch sie beziehen sich sowohl im Anliegen als auch inhaltlich auf die kunsthistorische Tradition und verweisen zum Teil ganzheitlich oder sich lediglich auf einzelne Symbole beschränkend, auf die Ikonografie der Stillleben. So experimentiert beispielsweise Johannes Brus mit Montage, Überblendung sowie chemischen und physikalischen Prozessen, Ingolf Timpner zitiert als sogenannter „Meister der inszenierten schwarz-weiß Fotografie“ die niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts und die Kanadierin Laura Letinsky macht das Motto „Nach dem Essen“ zu ihrem Thema.

Timpner Brus

Seitenansichten (Quelle: www.kerberverlag.com)

Auch die Leipziger Fotografien Anett Stuth inszeniert in ihren Arbeiten zur Serie „Heute ist Vergangenheit“ neben Schnapsgläsern, Blumen und Geld auch Nahrungsmittel. Dabei lassen beispielsweise in Perspektive, Arrangement und Farbgebung Parallelen zwischen den zeitgenössischen Fotografien und der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts erkennen. Gelten jedoch die Gemälde des Goldenen Zeitalters heute als historische Quellen, die uns Auskunft über die soziokulturelle Wirklichkeit geben, so verwischt Anett Stuth mittels Montageprinzip die Grenzen zwischen Raum und Zeit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart und gestaltet Fotografien, die Collagen gleich kommen.

Anett Stuth: Vom Leben frei bekommen (Quelle: www.kunstsammlungen-zwickau.de)

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