Moritz Frei – „invisible things / unsichtbare Dinge“

Ich sehe was, was du nicht siehst.
von Katrin Günther

Wer erinnert sich nicht daran? An dieses Kinderspiel, bei dem es darum geht, zu erraten, was der andere gerade im Blick hat?

Für Moritz Freis neue Fotoserie „invisible things / unsichtbare Dinge“ mag diese Idee vielleicht Pate gestanden haben. Die Bilder gleichen mitunter beiläufigen Schnappschüssen: Da gibt es ebenerdig umgefaltete Fahrradständer, ein geometrisches Gewirr aus Bierbänken in Rot und Gelb, weiße Gardine aus Fenster, einsame Schaukeln, Zitronen, Tüten, knittrige Hemden, Straßenszenen, Hofaussichten, Bodenaufnahmen, Himmelsblicke und Stillleben – ein Ei auf der Kippe, Post-it an Spiegel, Milchfleck auf Karo, Tassen-Obst-Blumen-Arrangement oder Schächtelchen auf Sockenfüßen auf Couch unter Decke – die Streichhölzer sind dagegen grad aus…

heavy invisible bicycles and yellow E / schwere unsichtbare Fahrräder und gelbes E

heavy invisible bicycles and yellow E / schwere unsichtbare Fahrräder und gelbes E

greenwith invisible blue / Grün mit unsichtbarem Blau

greenwith invisible blue / Grün mit unsichtbarem Blau

Nach dem ersten Blick auf ein jedes dieser Bilder und der möglichen Frage: „Und?“ – Auftritt der Titel. Sie geben humorige Hinweise und Kommentare, was man jenseits des Sichtbaren noch entdecken könnte. – Fahrräder etwa, oder Lederhosen, überteuerte Ladekabel, bezaubernde Nachbarinnen, Kinder, Flecken, Farben, Wolken, Worte, unabhängige Haare und noch viel mehr. Alles unsichtbar versteht sich.

unreal seeming rear-end collision between two invisible policecars / unwirklich anmutender Auffahrunfall zweier unsichtbarer Polizeiautos

unreal seeming rear-end collision between two invisible policecars / unwirklich anmutender Auffahrunfall zweier unsichtbarer Polizeiautos

Tatsächlich. Verblüffend! – Dieselbe Ampelkreuzung erscheint gleich viel spannender. Sie wird zum Tatort. Plötzlich muss man lächeln – und nochmal hinsehen. Neugier aufs nächste Bild. – Stimmt! – Jetzt kann man die bezaubernde Nachbarin sehen.

Moritz Frei spielt: mit Worten und Bildern, Formen und Farben, Sinnen und Sinn; er spielt mit seiner Fantasie – und der des Gegenübers. Klugen Humor besitzen seine Arbeiten allermeistens – die Serie der „unsichtbaren Dinge“ wie andere. Moritz Frei lädt ein, mit offenen Augen zu schauen: Mit leicht schräg geneigtem Kopf sieht man die Welt und ihre Kleinigkeiten einfach gleich ganz anders. Was er uns davon zeigt, ist manchmal absurd, meist ausgesprochen witzig, oft wunderschön, mitunter berührend, garantiert nicht langweilig und nie ohne doppelten Boden. Gelegentlich lauert ein vieldeutiger Sinn auch erst hinter der nächsten Ecke.

invisible subject / unsichtbares Motiv

invisible subject / unsichtbares Motiv

invisible sulkygod / unsichtbarer schlecht gelaunter Gott

invisible sulkygod / unsichtbarer schlecht gelaunter Gott

Moritz Frei, geboren 1978 in Frankfurt am Main, ist ausgebildeter Fotograf und studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Peter Piller künstlerische Fotografie. Doch ihn allein auf das fotografische Bild festzulegen, wäre viel zu kurz gegriffen. Moritz Frei ist Künstler – auf allen Kanälen: Neben Fotos arbeitet er mit installativen Elementen, Performances, Video, Objekt – und nicht zuletzt mit Sprache. In allem jedoch zeigt sich eine augenzwinkernde Perspektive auf die Alltäglichkeit und ihre Dinge, die Menschen und ihr Verhalten – immer wieder überraschend, erhellend, erheiternd und im wahren Wortsinne spiegelnd. Das gilt etwa für die Foto-Bildserien „Pisastudie“ (2011), die das vertraute Motiv des schiefen Turms mal eben „gerade“ rückt, oder die „Kunstwerke des Tages“ (2010–2012). Man kann hier aber auch andere Arbeiten nennen: das Legostein-Objekt „Ohne Anleitung“ (2012), dessen Zusammenhalt verblüfft – und schmunzeln lässt; das Wand-Bild-Sound-Objekt „52 % Abstraktion“ (2012), das gleichsam Duchamp‘sche Qualitäten hat; das formvollendete Hopfen-Suppen-Video „Der schmale Grat“ (2012); die in vierstündiger Performance sortierten Bio-Müsli-Quadrate („Divide et impera“, 2013) – oder eben die neu entdeckten „unsichtbaren Dinge“.

To be continued.

Bei allem Spielerischen steckt in Moriz Freis Werken stets ein Hang zur Perfektion – in den Fotos erst recht: wohl austarierte und spannungsreiche Kompositionen, Farben- und Formengefüge, mit Akzenten, gekonnter Lichtführung und einem Fokus auf Stofflichkeiten und Oberflächen – und natürlich auf Metaebenen und Subtexte. Hier ist kaum etwas „Zufall“. Bis vielleicht auf den Impuls, den Augenblick, als Moritz Frei etwas auffiel. Etwas, das zufällig schon da war.

Es macht Spaß, diesem Blick zu folgen. Mit Fantasie, Humor, Leichtigkeit und einer gehörigen Portion „ernsthaft gegen den Strich“ entdeckt man Dinge wunderbar neu, die man schon meinte zu kennen, oder die man zuvor übersah.

invisible teaspoons / unsichtbare Teelöffel

invisible teaspoons / unsichtbare Teelöffel

Weitere unsichtbare Dinge – zum Erlesen – finden sich im neusten Künstlerbuch von Moritz Frei: „Tausche Ölbild für gebrauchtes Auto (nicht älter als fünf Jahre)“ – eine Sammlung von Künstlerannoncen aus drei Jahrzehnten. Skurril, komisch und zugleich nachdenklich stimmende Beschau des Künstlerdaseins.

Besonderes Gimmick: eine nummerierte und signierte Fotografie aus Moritz Freis Bildarchiv der „Kunstwerke des Tages“.

Erschienen im Verlag MMKöhn

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